Briefe eines Todgeweihten, Briefe von Br. Adolf Zanker aus dem Jahr 1943

    • Briefe eines Todgeweihten, Briefe von Br. Adolf Zanker aus dem Jahr 1943

      Geislinger Zeitung, 26.11.2016
      Er wusste, was auf ihn zukommt, sagt
      Christian Buchholz. „Wer den Kriegsdienst im Hitler-Regime verweigerte,
      musste mit dem Tod rechnen.“ Adolf Zanker ging diesen Weg, weil er Zeuge
      Jehovas war und Gott gehorchen wollte, nicht den Menschen oder der „Behörde“,
      wie er den Nazi-Staat nannte. Das Bibelwort „Du sollst nicht töten“, war seine
      Richtschnur. So folgte er zwar im Oktober 1943 dem Einberufsungsbefehl,
      erklärte dann aber seine Kriegsdienstverweigerung und hatte dann noch drei
      Monate zu leben: in Gefängnissen im Elsass und in Torgau/Sachsen, bevor man ihn
      zur Hinrichtung nach Halle brachte. 16 Briefe konnte er in dieser Zeit an seine
      Frau schreiben. Nur alle zwei Wochen einer, und nur zwei Seiten lang. So weiß
      es Christian Buchholz, früherer Schuldekan von Göppingen und Kirchheim, der auf
      das Schicksal von Adolf Zanker gestoßen ist.


      Was Buchholz in diesen Briefen fand: Einen
      Menschen, der litt, aber nicht verzweifelte. „Deine Tränen sind auch meine“ –
      diese Worte an seine Frau hat Buchholz als Titel des Buches gewählt, in dem er
      die Briefe vorstellt und kommentiert. Zanker schrieb oft lange Bibelverse, sagt
      er, ganz ausgewählte Stellen aus dem apokalyptischen Teil, über das Ende der
      Welt, über den wiederkehrenden Herrn. Damit hat er sich getröstet, glaubt
      Buchholz. Er kannte sie wohl auswendig, er schrieb sie auch mehrfach. Buchholz
      hatte den Eindruck: „Er denkt nicht drüber nach, er zitiert, und das tut im
      offenbar gut.“


      Seine Frau scheine ihn gefragt zu haben,
      was sie tun soll, wenn sie allein mit den Kindern zurückbleibt, und er hatte
      für sie Trost. „Sorge dich nicht.“ Der Familienvater bestimmte, wer aus
      der Verwandtschaft mit für sie sorgen sollten. Er gab seiner Frau auch
      Ratschläge zu diesem und jenem Acker, um den sie sich jetzt alleine kümmern
      musste, und wie der Defekt am Bulldog zu beheben sei. Dies alles aus dem Alltag
      in einer Todeszelle heraus. „Er war dort zum Nichtstun verurteilt“, sagt Buchholz.
      Zanker schrieb einmal, er habe Zeit zum Lesen. Was er lesen durfte, weiß man
      nicht. Er bewahrte Haltung. Es war ihm noch wichtig, sich zu rasieren.
      Die Linien auf dem Briefpapier zog er fein säuberlich selbst.


      Seine Frau hat ihn zweimal in diesen drei
      Monaten zwischen Leben und Tod besucht. „Eine außergewöhnliche Leistung“, sagt
      Buchholz, „das war eine Riesenreise“. Sie musste erst nach Göppingen kommen,
      gab es einen Bus? Von dort mit dem Zug nach Stuttgart, weiter nach Leipzig oder
      Dresden, umsteigen nach Torgau, zu Fuß zum Gefängnis.


      Buchholz gingen diese Briefe unter die
      Haut. „Es war sehr anrührend“, sagt er. Auch wenn man viel über die Zeit wisse,
      über den Märtyrer Bonhoeffer und den Hitler-Attentäter Elser, hier habe man
      einen einfachen Menschen aus dem Dorf, der auf seine Weise der
      Nazidiktatur widerstanden habe. Ihn vor dem Vergessen zu bewahren, ist Buchholz
      wichtig. Auch als Lehre für die Nachwelt, „den Andersdenkenden und
      Andersglaubenden zu respektieren“.


      Diese Briefe dürften einmalig sein. Nichts
      Vergleichbares kenne Dr. Detlef Garbe, der seine Doktorarbeit über die
      Verfolgung der Zeugen Jehovas im Dritten Reich geschrieben habe. Was überfällig
      gewesen sei, so Buchholz: „Randgruppen der Naziopfer sind noch gar nicht
      aufgearbeitet. Ihnen ein Gesicht zu geben, dass sie wieder ihre Würde
      bekommen“, das treibt den Dürnauer an. Sühne für die Nazizeit zu leisten,
      ist ihm eine Lebensaufgabe geworden.


      Buchholz staunte: Es gibt Fotos von der
      Familie Zanker, einer Landwirtsfamilie auf dem Dorf, und eines schockierte ihn.
      Es zeigte die Familie an Weihnachten, mit einem Hitlerbild an der Wand. Das
      kann nur Tarnung gewesen sein. Die Gestapo kam ja immer wieder und durchsuchte
      dieses und andere Häuser von Zeugen Jehovas nach verbotener Bibelliteratur.
      Buchholz klärt auf: Seit 1934 verfolgte Hitler diese Religionsgemeinschaft,
      „weil er glaubte, sie würden von Amerika gesteuert und seien Verschwörer“.






      Herausgeber muss erst
      Sütterlinschrift entziffern











      Glücksfall Die Briefe aus der Todeszelle
      von Adolf Zanker sind erst vor einiger Zeit zum Vorschein gekommen. Die
      Schwierigkeit: Sie sind in Sütterlinschrift geschrieben. Christian Buchholz hat
      sie entziffert. Auch für ihn kein Spaziergang.


      Widerstand Die Enkelin des Märtyrers
      wollte sie eigentlich nicht veröffentlichen haben, sagt Herausgeber Buchholz.
      Er habe dafür plädiert, weil es wichtig sei, diese Seite des Widerstands
      in der Nazidiktatur aufzuzeigen. „Ich habe sie etwas gedrängt.“


      Blutzeugen Buchholz hat Adolf Zanker und
      dessen Onkel Georg Halder bereits in seinem Buch „Gottes Geist im Filstal“
      gewürdigt. Auf die beiden „Blutzeugen“ war er im Gruibinger Heimatbuch
      gestoßen, auf Spurensuche nach dem damaligen Pfarrer Frieß.


      Buchvorstellung Vorgestellt wird das Buch
      „Weil er nicht töten wollte ...“ am kommenden Montag um 19.30 Uhr in der
      Galerie Stepanek, Filseckstraße 9 in Faurndau. Ein Geleitwort schrieb der
      Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hamburg), Dr. Detlef Garbe. Ein
      Grußwort kommt von Doris Graenert, Vorstandsmitglied der Stiftung für die
      Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim (Auschwitz).
      Dateien
      Mein Bibeltext: Jeremia 29:11